[Geschichte] Blut auf dem Schlachtfeld

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der-Olifant
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[Geschichte] Blut auf dem Schlachtfeld

Beitrag von der-Olifant » 20.09.2004, 22:48

Seid gegrüsst!
Ich habe hier noch eine Geschichte, mit der ich aber noch nicht fertig bin.
Ich poste aber schonmal die ersten Teile.
Wie immer würde ich mich über ernst gemeinte Kritik (und Lob) sehr freuen.



1. Des Vaters Herrenhaus

Bedrückt stand Canosh in der hohen Eingangshalle des alten Herrenhauses. Ueberrascht bemerkte er, dass keine der Diener, die für gewöhnlich die Gäste empfingen anwesend waren. Er war alleine, alles war still und das gefiel ihm so auch. Mit grosser Wahscheinlichkeit hatte der Herr Onhlacu seine Diener für diesen Tag wegschicken lassen.
Hoch oben in den steinernen Wänden eingelassen zogen grosse, verzierte Fenster häufig bewundernde Blicke auf sich. Das Licht der Morgensonne schien durch sie hindurch und beleuchtete den stickigen, heissen Innenraum des Herrenhauses. Dort, wo die Lichtstreifen hinreichten, erkannte man die wirbelnden Staubteilchen, die sich wie im Tanz elegant umeinander drehten.
Eine gewundene, lange Holztreppe mit geschnitzten Drachenköpfen auf dem dunklen Geländer stieg am anderen Ende des Raumes scheinbar endlos in die Höhe und somit zu den wichtigen Räumlichkeiten.
Canosh überwand seinen widerstrebenden Willen und setzte sich in Bewegung, seine auf dem schweren, alten Teppich auftretenden Füsse liessen noch mehr Staub in die Höhe wirbeln. Der Stoff dämpfte seine langsamen, vorsichtigen Schritte, während Canosh die wunderschönen, leider an einigen Stellen bereits verblassten Bilder betrachtete, die in den einst teuren Teppich gewebt worden sind. Sie zeigten Schlachtgeschehen, Monster und Fabelwesen, stolze Recken, die Verfechter des Hauses Onhlacu.
Canosh hatte die alten, gewebten Bilder schon unzählige Male gesehen und bewundert, doch noch immer konnte er seinen Blick nicht völlig von dem Meisterwerk abwenden.
Er erreichte die erste Treppenstufe. Auch sie war mit einem Teppich ausgelegt, staubig, alt und in schlichtem Rot gehalten.
Einen Moment Inne haltend, überdachte Canosh seine Lage. Nein, es gibt keine andere Möglichkeit, dachte er schliesslich.
Seine ledernen Schuhe traten auf die erste Stufe, das alte Holz knarrte, eine Spinne huschte erschrocken in einen geschnitzten Drachenschlund.
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis er oben ankam. Bei jedem Schritt ächzte das Holz gepeinigt auf wie ein Lebewesen.
Ein Schauer jagte über Canoshs Rücken. Er mochte dieses alte Haus, doch nun schien es ihm so bedrohlich.
Es wird an meiner schlimmen Lage liegen, dachte der junge Mann traurig.
Nun befand er sich auf der Höhe der prunkvollen, farbenfrohen Fenster, die eher an diejenigen in einer Kathedrale erinnerten.
Das blasse Licht erhellte sein Gesicht und warf gespenstische Schatten an die gegenüberliegende Wand.
Das Echo seiner Schrtte auf dem Steinboden hallte überall im alten Haus wieder und drangen unheimlich verzerrt wieder an sein Ohren.
Irgendwann fand auch der lange, mit Kerzen versetzte Gang ein Ende und machte einem übergrossen Eichenholztor platz.
Canosh hob seine behandschuhte Hand und klopfte zaghaft an. Dann wartete er ungeduldig, doch niemand kam nachsehen, wer vor dem Tor wartete.
Das schwere Tor war nicht verschlossen und so trat Canosh ein, in die Gemächer des Herren Onhlacu.
Auf den ersten Blick konnte er erkennen, das niemand sich hier aufhielt. Diese Gemächer waren gross, teuer eingerichtet und anders als der Rest des Herrenhauses in bestem Zustand. Ein Springbrunnen stand in der Mitte des Raumes, darauf befanden sich lebensecht aussehende, in Stein gehauene Vögel, bemalt mit den wertvollsten und schönsten Farben. Pflanzen hingen von der Decke herab, die wie alles andere hier an diesem Ort wundervoll verziert und geschmückt war.
Canosh schenkte dem keine grosse Beachtung, er durchquerte den Raum und betrat den nächsten. Hier befanden sich die Betten des Herrn Onhlacu, ausgestattet mit dem unglaublichen Luxus von mit Federn gefüllten Decken und Kissen. Der Geruch von Kräutern und Blüten erfüllte den Raum und drang in seine Nase.
Canosh fuhr sich mit der Hand durch das schweissnasse Haar, liess sich auf den nächstbesten gepolsterten Stuhl fallen und wartete.
Er war nervös, Angst hämmerte an die Wand seines gesunden Menschenverstandes. Bald würde es soweit sein.
Und wirklich dauerte es nicht lange bis das schwere Eichentor sich wieder knarrend öffnete, doch für Canosh verlief der Fluss der Zeit heute langsam und träge.
Herr Onhlacu betrat den Raum. Mit stolzem Schritt überwand er die Entfernung zu Canosh, ein stolzes Lächeln umspielte seine sonst so ernsten Lippen.
Sein sorgfältig gepfletger Bart fiel über seine in einem seidenen Hemd steckende Brust.
Stechende, blaue Augen schienen Canosh zu durchdringen, kein Geheimnis war sicher vor dem Herr Onhlacu.
Er breitete seine kräftigen Arme aus und sprach: "Sei gegrüsst, mein Sohn! Ich bin wahrlich froh, das du in dieser dunklen Stunde nicht geflohen bist, was durchaus in deiner Macht gelegen wäre." Seine Stimme war kräftig und tief, beruhigend.
Canosh senkte seinen Blick. "Ich bin hier, nur das zählt, Herr Onhlacu."
Canoshs Vater winkte nun plötzlich verärgert ab. "Nenne mich nicht so, Canosh! Ich bin immernoch dein Vater, ich wünsche auch in schlimmen Zeiten als solcheiner behandelt zu werden!"
Canoshs Herz begann schmerzhaft zu pochen, Unruhe schlich sich in sein Denken.
"Gut, Vater. Doch ich wünsche, dass wir bald mit dem beginnen, was ansteht.", rechtfertigte sich Canosh höflich, aber mit zitternder Stimme.
Herr Onhlacu schloss die Augen, sein Lächeln war verschwunden. "Dunkle Zeiten sind es, die das Leben und die Aufopferung der jungen Leute benötigen. Die Götter selbst scheinen sich gegen uns gewandt zu haben..." Jetzt lächelte er traurig, er schien das soeben gesagte selbst nicht zu glauben.
"Der König befahl, dass alle jungen Bewohner des Reiches, die eine Waffe zu tragen vermögen, sich in den nächsten Wochen in Burg Vyd einfinden sollen. Sie sollen in den Krieg ziehen..." Diese Worte brachte Herr Onhlacu nur mühsam hervor, es schien schwer auf ihm zu lasten.
"Ich kann mein Leben nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen!", rief da Canosh.
Sein Vater hob beschwichtigend seine Hände. "Du bist ein wundervoller Kämpfer, Canosh. Du wirst zwer mehr Mut finden müssen als du bereits besitzt, aber..."
Canosh unterbrach ihn: "Es geht nicht um meinen Mut! Was ist mit meiner Tochter!? Ich habe viel zu verlieren!"
Herr Onhlacus Blick verdüsterte sich. "Ich werde weiterhin um sie sorgen, wie ich es auch bis jetzt getan habe. Magria wird nicht bemerken, wenn du nicht vom Schlachtfeld zurückkehren solltest. Sie ist zu jung, und abgesehen davon bekommt sie dich ja sowieso selten zu Gesicht."
Die letzte Aussage sprach er wie ein Vorwurf aus, wahrscheinlich sollte es auch einer sein. Und sie traf Canosh tief.
"Ihre Mutter ist schon lange verschollen. Ich kann mich nicht alleine um ein Kind kümmern, das weisst du genau!"
Herr Onhlacu nickte nachdenklich. "Egal, du musst in den Kampf ziehen. Ich weiss, du kannst es!"
Stille überkam sie beide, nur das plätschern des Brunnens mischte sich leise ein.
Dann, nach einer Weile, hatte sich Canosh anscheinend überwunden.
All seinen Mut zusammennehmend flüsterte er bestimmt: "Ich kann es und ich werde es, bei meiner Tochter, ich werde es!"
Zuletzt geändert von der-Olifant am 20.09.2004, 22:50, insgesamt 1-mal geändert.

der-Olifant
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Beitrag von der-Olifant » 20.09.2004, 22:48

2. Burg Vyd

Burg Vyd war gigantisch. Die schwarzen Gemäuer erhoben sich hoch in die regnerische Nacht. Die blinden Augen der unerreichbar hohen Türme schienen den Besucher missbilligend zu beäugen. Irgendwo in der Nähe schlug ein Blitz in die nächtliche Gegend. Einen Augenblick lang erhellte grelles, erbarmungsloses Licht das Dunkel, bevor die Welt wieder in Hoffnungslosigkeit und Schwärze versank.
Die grauen Wolken versuchten verzwifelt ihre Last zu halten, doch der Regen fiel und fiel, dumpf donnerte er auf die hölzernen Dächer der Burg Vyd.
Das Wasser spülte den Dreck von dem Gestein, dunkle, finstere Bäche flossen in das ehemals grüne Gras, das nun durch die Last des unreinen Wasser erdrückt wurde.
Wieder donnerte es, einige Vögel, die sich vom Regen nicht vertreiben hatten lassen flogen in Todesangst weg vom knorrigen, traurigem Baum, der ihr Heim gewesen war bis dahin.
Auch ein anderer hier war gezwungen worden, sein Heim zu verlassen. Canosh sass auf seinem Pferd, das unruhig schnaubte. Der Schweiss des Pferdes vermischte sich mit dem unablässigen Regenwasser und lief an Bein des Reiters hinab. Der Schimmel bäumte sich auf und wieherte nervös.
Canosh tätschelte es beschwichtigend und redete ihm gut zu, doch konnte er seinen gebannten Blick nicht von dem unheilverkündenden Gebäude vor ihm abwenden.
Alles war still, keine Soldaten, die auf den Zinnen auf und ab gingen, keine Ritter, die strengen Blickes auf ihn zugeritten kamen, in voller Kampfmontur, mit blitzenden Rüstungen, um ihn zu begrüssen. Nur die Einsamkeit wachte über diesen Ort.
Canosh versuchte die Geschichten über die Kriegsgräuel, die sich in diesen Mauern abgespielt haben sollen zu vergessen, doch ganz gelang es ihm nicht.
Bilder von den abgeschlagenen Köpfen der Feinde, auf Stangen gespiesst, gerade auf den Zinnen stehend. Ihre traurigen Augen starr in die Unendlichkeit ihres langen Schlafes gerichtet. Er sah in seinem Kopf Bilder von Folterinstrumenten, Streckbänke, die eiserne Jungfrau...
Er sah schrecklich Hingerichtete, ihr Blut von grossen, eiserenen Eimern aufgefangen.
Canosh schüttelte seinen Kopf und gab sich selbst eine deftige Ohrfeige. Denk nicht an das Schlimmste!, mahnte er sich streng.
Sei guten Mutes, die Schlacht wird nicht hier ausgetragen, hier befinden sich meine Freunde.
Doch ob diese "Freunde" ihm wirklich wohlgesonnen waren, war eine andere Frage.
"Lauf, mein Freund, lauf!", flüsterte er seinem Pferd zu, leise, wie um nicht die Geister der Toten zu wecken.
Der Schimmel trabte langsam auf die Burg zu, auch er schien Zweifel zu haben. Immer wieder warf er seinen schönen Kopf hin und her, schnaubte ängstlich.
Canosh streichelte ihn wieder, doch mehr um sich selbst zu beruhigen als sein Begleiter. Als das finstere Eisentor immer näher kam, immer grösser wurde, nagte die Angst wieder an Canoshs Herzen. Unwillkürlich legte er die Hand um sein Schwert, das alte Schwert seines Vaters.
Das Tor war verziert, doch die schwarzen Linien schienen die Burg nicht zu verschönern. Sie wirkten wie sich windende Körper, Leidende, Gefolterte.
Das ist meine Einbildung!, redete sich Canosh ein. Meine Fantasie, nichts weiter!
Er stieg geschickt aus dem Sattel, der Schimmel wollte sich abdrehen, wahrscheinlich um wegzureiten, doch Canosh hielt ihn an den Zügeln fest.
"Es tut mir Leid, Nesha, du musst mit...", sprach Canosh beschwichtigend. "Dein Weg ist mein Weg."
Da hielt das Pferd Nesha plötzlich still, als habe es verstanden. Anklagend schnaubte es, beleidigt. Wieder setzte Canosh seine Hand an den Schwertknauf, liess seine Füsse auf das Tor zugehen. Er zog das Schwert, schlug mit dem Griff voran gegen die Eisenvezierungen. Ein dumpfer Ton ertönte, lange und verzerrt.
Sofort öffnete sich das gigantische Tor knirschend und knarrend, Steinchen und Staub rieselten auf Canoshs Haupt.
Als das Dunkel wich, erschien eine hühnenhafte Gestalt vor ihm im Schatten, dort, wo sich eben noch das schwere Tor befunden hatte.
Sein Gesicht, wie auch sein ganzer restlicher Körper war in einen matten Silberpanzer gehüllt. Ein gewaltiges Schwert lastete auf des Kriegers Rücken.
Dann durchbrach eine leise, feste Stimme das Rieseln des Regens, rau und tief: "Seid Willkommen in Burg Vyd, Reisender Edelmann. Steckt eure Waffe weg und tretet ein und geniesst unsere... Gastfreundschaft..."
Ohne dass ein Wort seinen Weg aus Canoshs Kehle fand, befolgte er des Kriegers Befehle, steckte seine Waffe weg in die Scheide und trat in das Dunkel des hohen Torbogens über ihm.

Dunkelheit verschlang ihn, lange Zeit konnte er nicht mehr ausmachen ausser schwer auf ihm lastender Schwärze. Irgendwann konnte er geisterhaft flackerndes Licht erkennen, das vor ihm in der Dunkelheit zitterte. Hallende Schritte von eisenbeschlagenen Stiefeln erklangen.
Dann konnte er auch das stetige Knistern des sich windenden Feuers ausmachen, das auf den an Steinwänden angebrachten Fackeln wohnte.
Und zu seiner Verwunderung drang auch wieder das Geräusch von fallendem Regen an sein Ohr.
Wir müssen in der Nähe des Hofes sein, dachte Canosh.
Dann lichteten sich die steinernen Wände der Burg vor ihm und gaben den Blick auf braunen Erdboden frei. Wo man hinschaute, überall lagen schlafende Männer in dem Matsch. Verblüfft und beunruhigt wandte ich mich an den Krieger. "Die neuen Soldaten müssen auf dem nassen Boden im Freien ruhen!?"
Der Krieger nickte ungerührt.
"Bei dieser Kälte und Nässe werden sich manche Krankheiten ausbreiten!"
Der Krieger winkte ab und sagte mit leise erwachendem Zorn in der Stimme: "Lass das unsere Sorge sein, Edelmann! Ihr seid sowieso nur Futter für die Krähen, wenn die Schlacht zu Ende kommt!" Er lachte hemmungslos. "Ich wünsche euch eine angenehme Ruhezeit hier!"
Dann lachte er weiter und ging schnellen Schrittes hinein in Burg Vyd.

der-Olifant
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Beitrag von der-Olifant » 20.09.2004, 22:49

3. Nacht und Elend

Canosh wälzte sich im Schlaf auf dem dreckigen Boden. Kalter, nasser Matsch drang in seine Reisebekleidung, doch er erwachte nicht.
In seinem Traume sah er ein edles Gebäude. Am Boden lag tot ein Mädchen neben dem Pferd Nesha. Dunkle Nebelschwaden durchdrangen das Gemäuer.
Scharfe Stiche jagten in sein Herz, immer wieder. Ein schwarzer Strom aus fast geronnenem Blut lief träge und klebrig die gewundene Treppe hinab.
Canosh versuchte wegzulaufen, als das Blut bösartige Dämonen gebar. Plötzlich donnerte eine berittenes Heer in die Halle, sprang schnell über den Kadaver des armen Mädchens hinweg und warfen sich in die Schlacht. Dämonische Klauen schnitten und zerfetzten, die Ueberreste des Heeres wurde vom blutigen Fluss weggetragen, direkt auf Canosh zu. Die Toten begannen zu klagen, zu heulen. Faulige Hände griffen nach ihm. Irgendwo hörte er Krähen fröhlich krächzen.
Schwarze Schwingen warfen lange Schatten, der edle Teppich des stolzen Geschlechts der Onhlacu verschwand zusammen mit dem Mädchen im Dunkel...

Schreiend erwachte Canosh. Er fühlte brennender Schweiss, sein langes, nasses Haar verdeckte seine Sicht. Keuchend und der Panik nahe wirbelte er herum.
Jemand packte ihn grob am Arm. Heisser Atem spürte er an seinem Ohr und eine Stimme flüsterte: "Alpträume, nicht? Keine Sorge, wir alle hier haben solche Träume. Alles Krähenfutter fürchtet sich, sagt der graue Krieger immer..."
Canosh beruhigte sich, wischte sich mit einer Hand das Haar aus der Gesicht und blickte dem Grauen ins Antliz. Erschrocken wich er einen Schritt zurück, stolperte über einen Schlafenden und fiel hin. Der Hässliche trat mit ernster Mine näher und streckte Canosh die Hand hin.
Ein bitteres Lächeln breitete sich auf dem verstümmelten Gesicht aus. "Ihr braucht mich nicht zu fürchten, mein Wesen ist milder als mein Aussehen."
Zögernd und den Unheimlichen unverwandt anstarrend ergriff Canosh die dargebotene Hand. Kräftig wurde er in die Höhe gehoben und auf die Füsse gesetzt.
Canosh war wahrlich kein Schwächling, doch dieser Mann hatte ihn hochgehoben wie eine Stoffpuppe!
Musklen wölbten sich unter dem Kettenhemd, das der Missgestaltete trug. Sich langsam beruhigend, doch mit immer noch wild schlagendem Herz, blickte Canosh dem Verunstalteten ins Gesicht. Es war von Narben entstellt, ein Auge wurde offensichtlich aus gestochen, eine Art schwarze, unförmige Kugel lag jetzt in der augenlosen Höhle. Rauch schien sich in ihr zu bewegen, doch Canosh konnte es in der frühen Morgendämmerung nicht genau feststellen.
Die zerstörte Haut des Mannes war offensichtlich nicht Ursache einer Krankheit oder der Pest, dieser Mann hatte sein ganzes Leben lang gekämpft, so schien es.
Der Verunstaltete zauberte wieder sein bitteres Lächeln auf sein Gesicht und entblösste seine erstaunlich gut gepflegten Zähne.
"Mein Name ist Krchaubunjin, aber alle nennen mich Chaubun. Ich bin ein zum Tode verurteilter Mörder und lebe nur aus einem Grund noch: Der König findet es besser, wenn die Mörder und das Diebespack auf dem Schlachtfeld nach etwas gutes vollbringen, bevor sie als Krähenfutter auf demselben enden."
"Ihr seid ein Mörder!?", keuchte Canosh zu erschrocken, um Angst zu empfinden.
"Keine Sorge, Freund! Das offenbare ich allen, die meinen steinernen, mühsamen Weg des Todes kreuzen. Ich will offen sein, wisst ihr? Auch Mörder können Ehrenmänner sein..."
Canosh fasste sich wieder und sprach: "Edle Leute unter den Dienern des Todes sind selten. Ich will nicht zu hoffen wagen, das ihr eine Ausnahme darstellt."
Der Mörder gönnte sich keinen Anfall von Vergnügen, er nickte nur ernst mit seinem vernarbten Haupt und brummte etwas.
Dann sagte er besser vernehmbar: "Wahr gesprochen, Edelmann. Doch du wirst früh genug erfahren, ob ich ein Ehrenmann bin oder nur ein verlogener Bastard. Schliesslich ziehen wir zusammen in die Schlacht, nach der wir die Krähen glücklich machen werden."
Canosh fragte sich, wieso man ihn als Edelmann Seite an Seite mit Verbrechern in die Schlacht schickte. Doch die Antwort hing vor seiner Nase an einem seidenen Faden, er müsste sie nur pflücken und betrachten, doch er tat es nicht. Er beachtete sie nicht, wollte es nicht wissen.
Dass sie alle bereits Krähenfutter waren, dass sie bald tot sein würden...
"Bestimmt seid ihr hungrig, nicht wahr? Ich glaube, das Essen wird bald... angerichtet." Das letzte Wort sprach er mit unverhohlener Verachtung aus, doch wieder schlich sich dieses traurig-bittere Lächeln auf seine Züge. "Die Sonne erhebt sich aus ihrem nächtlichen Grab."
Doch davon war nicht zu sehen. Die schwarzen, festen Mauern waren nicht nur für Angreifer eine unüberwindbare Hürde, sondern auch für Licht, Freude und Leben.
Aber scheinbar hielt sich Chaubun schon länger als eine Nacht hier auf, denn er behielt Recht.
Auf den inneren Mauern begannen sich schwarze Umrisse abzuzeichnen. Zunächst begriff Canosh nicht, was sie dort taten, doch dann erkannte er es voller Ekel.
Mit kraftvollen Bewegungen leerten die Krieger der Burg Vyd Eimer in den Matsch auf dem Burghof. Und in den Eimern wartete das Frühstück auf die hungrige Horde von neuen Soldaten. Der schleimige Brei fiel dick und träge auf den Boden und vermischte sich mit dem nassen Dreck.
Canosh stand da wie erstarrt. Er war adelig, das konnten diese Schweine doch nicht ernst meinen!
Die mittlerweile ebenfalls erwachten anderen Soldaten dachten nicht alle so. Einige schossen mit schrecklicher Gier auf den grausigen Brei zu und schaufelten sich Dreck und Brei in die Münder. Einige andere, die wahrscheinlich nicht so lange hier Leid und Hunger ertragen mussten, beobachteten die kalten Krieger voller Verachtung oder sogar purem Hass.
Canosh *** nicht. Sowie sein neuer "Freund" Chaubun. Seine versteinerte Mine blickte ausdrucksloser als die steinerenen Mauern rund um sie. Sie verströmten Kälte und Bosheit, Chaubun nur eindrucksvolle Ruhe.

Einige Stunden später wurden sie weggeführt, anscheinend war der Tag des Aufbruchs gekommen. Canosh stand irgendwo in einer langen Reihe aus Soldaten die in die Waffenkammern führte. Einige der Krieger der Burg Vyd standen regungslos an der Wand.
Die Fackeln brachten ihre Rüstungen zu falschem Glanze, lange Schatten wanden sich zitternd auf dem kalten Steinboden. Nach einer Weile, die Canosh wie eine Ewigkeit anmutete, stand er in der finsteren Waffenkammern, die offensichtlich auch als Folterkammer benutzt wurde. Die toten, leeren Augen einer eisernen Jungfrau die in einer Ecke stand blickten ihn Anklagend an, an der Decke hingen von Rost zerfressene Äxte und Beile. Sie schwangen hin und her und sie quietschten schrecklich.
Ein fetter Mann mit einer kupfernen Maske packte Canosh unsanft am Arm und reichte ihm ein Kettenhemd und ein Schwert. Die matte Klinge war stumpf und rostig. Canosh winkte ab und wies mit einer Geste zu seiner verzierten Scheide, in dem das edle Schwert seines Vaters lag. Einen Moment starrte der Fette nur auf die Scheide, als ob sein gieriger Verstand sich überlegte, es ihm abzunehmen.
Dann rammte er das alte Schwert in einen morschen Holztisch, dessen Tischplatte voller getrockneter Essensreste war.
Canosh nahm schweigend das Kettenhemd und ging durch das gegenüberliegenden Tor hinaus ins Freie zu den anderen Soldaten ins morgentliche Sonnenlicht.

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Beitrag von der-Olifant » 20.09.2004, 22:49

4. Aufbruch in den Tod

Die brennende Sonne trocknete die nasse Erde, die an Canoshs Kleidern klebte. Erschöpft stand er auf der Wiese, hinter ihm ragten die Mauern der Burg Vyd, die im warmen Licht sonderbar falsch wirkte. Überall auf dem Feld standen die Soldaten, es waren unzählige, hunderte, wenn nicht tausende die sich hier versammelt hatten.
Dicht nebeineinander warteten sie ab, was passieren würde. Spannung und Furcht lag in der Luft, das angsvolle Geflüster der Soldaten erfüllte wie das leise, aber stetige Murmeln eines Flusses die Luft.
Dann vernahm Canosh ein wiehern.
Eiskalte Erkenntnis traf ihn, sowie schwer auf ihm lastende Gewissensbisse. Er hatte sein Pferd völlig vergessen!
Nervös blickte er sich um, doch der Wald aus Köpfen war undurchdringlich. Dann ertönte eine durchdringende Stimme, das ängstliche Getuschel der Soldaten erstarb auf der Stelle. Alle Köpfe wandten sich in die Richtung aus der die gebieterische Stimme gekommen war.
"Adelige und Edelmänner zu mir! Ihr Ritter bekommt eure Pferde wieder!" Die Stimme betonte das Wort "Ritter" merkwürdig, voller Spott.
Langsam traten die Bauern und Verbrecher zur Seite, um die "besseren" Menschen hindurch zu lassen.
Voller Unruhe spürte Canosh die stechenden, neidischen Blicke der Armen wie Messer in seinem Rücken. Seine Nackenhaare kräuselten sich vor Spannung.
Die Krieger und Ritter der Burg Vyd kamen im vollen Gallop auf sie zu gesprengt, im Schlepptau die untergebrachten Pferde der Soldaten.
Die Krieger zügelten ihre Pferde, stiegen aber nicht ab. Canosh erspähte Nesha ganz in der Nähe. Eilig lief er auf sein Pferd zu, blieb dann unmittelbar vor ihm stehen und betrachtete es genau. Canosh atmete erleichtert die frische Morgenluft ein, anscheinend hatte man die Pferde besser behandelt als ihre Besitzer.
Trotzdem schnaubte Nesha anklagend und schabte beleidigt mit den Hufen im Gras. Warmer Dampf schoss aus den Nüstern hervor.
Canosh legte seine Hand auf den zierlichen doch muskulösen Kopf des Tieres und streichelte es. "Mach dir keine Sorgen, Nesha, bald können wir wieder nach Hause."
Natürlich war es eine Lüge, und in Canoshs Augen wurde sie nicht durch den Umstand gemildert, dass Nesha es nicht verstehen konnte. Er fühlte sich schlecht.
"Steigt auf, Krähenfutter! Der lange, harte Weg zur Schlacht und zum Tod wird bald betreten und begangen!", erscholl die Stimme des Kriegers über die hügeligen Ebenen.
"Wir werden in den tiefen Fusspuren der toten Krieger und Schlachtenmeister wandeln und ihr Abschaum werdet ihn nicht wieder verlassen!"
Canosh glaubte, es war derselbe Krieger, der ihn in die Burg geleitete hatte, der Chaubun den grauen Krieger genannt hatte, doch er war sich seiner Sache nicht sicher.
Nesha war gesattelt, doch Canosh war sich sicher, dass die Krieger von Vyd sich die Mühe, die Pferde am Abende von den Satteln zu befreien und am Morgen wieder anzuziehen, nicht gemacht hatten.
Voller Ärger und Angst über seine missliche Lage bestieg er keuchend Nesha, die anscheinend immernoch beleidigt versuchte, Canosh nicht gewähren zu lassen.
"Verzeih mir, Nesha! Niemand wird dich mir je wieder wegnehmen können, das verspreche ich dir. Bei meinen Ehrenwort als Edelmann!"
Und wieder tätschelte er seine treue Nesha, und während er das tat, legte sich ein schwerer, undurchdringlicher Schatten wie ein Leichentuch über sein sowieso schon getrübtes Gemüt.
Der Wind wehte plötzlich, er war kalt, eiskalt. Die Kälte drang bis zum Herzen Canoshs und nistete dort, brütete ihre kalte Frucht.
Irgendwo neben ihm bäumte sich ein Pferd auf, die Hufe wirbelten Grasfetzen und Erde in die Luft. Der Reiter wurde abgeworfen und fiel schreiend zu Boden.
Ein hässlicher Ton entstand, als ob Knochen zerbersten würden, dann lag der Mann stöhnend auf der kalten Ebene und wand sich, sein Bein haltend mit geschlossenen Liedern. Canosh überwand sich um lenkte seinen Blick auf ein Waldstück ganz in der Nähe. Ein Reh floh hüpfend aus dem Wald, die Augen glänzend und weit aufgerissen. Einige Vögel flogen kreischend mit panisch flatternden Flügeln davon. Die Welt schien ihre Farben zu verlieren, Dunkelheit bestieg den Thron der Welt und Kälte schloss das Zepter fest in seine Hände. Gänsehaut überzog Canoshs Körper, abwechselnd überkam ihn Kälte und Hitze.
Seinen starren Blick hatte er unverrückbar auf die verkrüppelten Bäume gerichtet. Einige graue Blätter lösten sich traurig vom Ast, fielen langsam, schwebten, dann wurden sie vom kalten Wind weggerissen und weitweg getragen. Der Wind heulte leise, aber voller Leid. Er jammerte ängstlich, als ob ein Schrecken auf dem Weg wäre, der selbst dem Winde etwas anzuhaben vermochte.
Was geschieht hier? Diese Frage bohrte sich glühend in die Köpfe der Soldaten. Totenstille herrschte, nur das raschelnde, klagende Flüstern des Windes hauchte über die langen Gräser und liess sie hin und her wiegen.
Was ist im Wald? Oh, Vater! Was ist hier unter uns? Canosh zitterte, schwarze Angst überschwemmte ihn und erstickte sein Herz.
Etwas bewegte sich im Wald. Doch es besass keine feste Form. Canoshs schmerzende Augen bemerkten kurz ein Flimmern der Luft, wie an besonders heissen Tagen.
Dann schälte sich etwas aus dem Dunkel des Waldes, ein Etwas, immernoch unerkennbar. Die Augen stachen, wenn man auf die verbotene Stelle schaute, dort wo die Luft im Winde wogte wie das Wasser im Meer.
Nesha tänzelte unruhig und wieherte leise, als schwarzumrahmte Fussabdrücke auf dem Erdboden erschienen. Der Geruch von verbranntem Fleisch drang in Canoshs Nase, angewidert legte er seine schweissnasse Hand an den goldverzierten Schwertgriff.
Das Wesen schien ein wandelnder Sog zu sein, alle Farben und alle Laute wurde zu ihr hingezogen und verschlungen. Langsam schien es zu sichtbar zu werden, das nervöse Flimmern und Zucken schien zu erstarren. Und plötzlich stand da die Kreatur, finster wie die Nacht, strahlend wie der Tag.
Canosh schrie entsetzt. "Bei meinem Vater!"
Er vernahm, wie Schwerter scharrend gezogen wurden, wie Bögen gespannt wurden, doch statt dem erwarteten Pfeifen von durch die Luft schiessenden Pfeilen wurde es unheimlich still. Canosh wollte seinen Kopf drehen, doch mit Schrecken musste er erfahren, dass sein Körper nicht mehr sein Sklave war, seine Muskeln taten ihren Dienst nicht.
Wie zur Demütigung war das einzige, was sein Körper noch vollbrachte ein heftiges Zittern und ein jammervolles Keuchen.
Das Wesen vor ihnen war wahrlich unglaublich. Von der Gestalt her ein Mensch, war es doch nur wenig grösser als ein Kind und spindeldürr.
Das Gesicht wurde von einer schweren, unbearbeiteten Steinplatte verdeckt, die im matten Licht der Sonne schwarz schimmerte.
Bekleidet war sie mit einem schweren, schwarzen Umhang, der jedes Fleckchen Haut verdeckte, sogar die Hände waren tief in die Ärmel zurückgezogen.
Rot pulsierende Linien verliefen wie Adern über den finsteren Mantel und glühten böse und hungrig.
Doch das Merkwürdigste war noch nicht gesagt: Rücken an Rücken war ein menschliches Skelett befestigt worden, das bei jeder Bewegung des Wesens unruhig zitterte.
Ein hohes, kaltherziges Kichern schien die Luft zu erfüllen, im Augenwinkel sah Canosh einige Soldaten heftig zusammenzucken.
Die Gestalt wandte sich ruckartig und doch geschmeidig um, der augenlose Schädel der menschlichen Gebeine schien nun in Canoshs Gesicht zu starren, neidisch auf dessen noch nicht verfaulten und zu Staub verfallenen Augen. Das finstere Wesen hob einen Arm, plötzlich kam ein Stab aus dem Ärmel des Umhangs zum Vorschein.
Die blutroten Linien begannen schneller zu pulsieren, Canosh vernahm ein Geräusch wie wilder Herzschlag.
Auf dem in die Höhe gehaltenen Stab leuchteten in diesem Augenblick giftgrüne Schriftzeichen auf, die ruhelos wirbelten und hinter den Grenzen des Wahnsinns flüsterten.
Die Angst war wie eine unüberwindbare Mauer rund um Canosh, verwehrte seinem suchenden Blick die Aussicht auf die Ebene der Ruhe.
Kein Gedanke wurde von ihm an das Ziehen der Waffe verschwendet, sein Verstand war in sich zusammengesunken wie brennende Blätter.
Entgegen seiner Erwartung lief einer der Krieger von Vyd ruhig, aber ehrfürchtig den Kopf gesenkt, auf das Wesen zu.
Dann fiel er vor ihm in die Knie, die Rüstung scharrte am Boden entlang und wirbelte Staub und Dreck auf.
Er faltete die gepanzerten Hände wie im Gebet und flüsterte mit respektsvoller Stimme: "Meister! Meister, ihr seid endlich zurück!"

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Beitrag von der-Olifant » 20.09.2004, 22:49

5. Böse Ahnungen

Lange Stunden reisten sie nun schon, eine scheinbar endlose Reihe aus Soldaten. Die einfachen Fussoldaten wanderten mit hängenden Köpfen, sie hatten sich ihrem dunklen, verschleierten Schicksal gefügt, wenn auch nicht bereitwillig. Die Pferde der adeligen Reiter trabten willenlos weiter vorn, die Kettenhemden, Lanzen und Schwerter klirrten, rasselten und durchdrangen die unnatürliche, gespannte Stille der grossen Ebene.
An der Spitze des Zuges ritt der graue Krieger der Burg Vyd mit aufrechtem Haupt, sein Herr und Meister, das dunkle Wesen war nicht zu sehen, was aber nicht bedeutete, das es nicht in der Nähe war. Dieses Wissen beunruhigte die Soldaten und säete Furcht in den mutlosen Herzen.
Der Wind strich sanft über die braunen Gräser, die sich wie ein gewaltiges Meer über die flachen Hügel spannten und sich furchtsam beugten.
Kein Baum stand weit und breit, nur dieses stille Meer aus trockenem Gras. Trostlos, traurig war die Landschaft, die Sonne blickte scheu hinter den finsteren Wolken hervor. Selbst sie empfand drückende Furcht im Angesicht der zu lang anhaltenden Nacht. Träge zogen die Wolken über den vom schwachen, dumpfen Licht des Mondes erfüllten Himmel, als sie zu weinen begannen. Dicke, schwere Tropfen fielen durch die nächtliche, kalte Luft. Tausendfach trafen sie den erdigen Boden oder das braune Gras, machte das Erdreich zu nassem Matsch und schwemmte das Gras mitsamt den zaghaft verankerten Wurzeln hinfort.
Hundertfach trafen sie auf die Rüstungen der Krieger und Soldaten. Die Pferde wurden plötzlich langsamer, ihre Hufe sanken tief in den schlammigen Boden ein.

Canosh ging düsteren Gedanken nach, während sich eine klamme, nasse Kälte in seinerm Leib ausbreitete wie eine tödliche Seuche und kleine Bäche aus Regenwasser in seine Rüstung leichter als Pfeile oder Bolzen eindrangen und seine Kleidung bis auf die sowieso schweissnasse Haut durchnässten.
Er dachte an seine kleine Tochter Magria, deren Mutter vor einiger Zeit spurlos verschwunden war. Diese Gedanken rissen alte Wunden auf, die sofort wieder zu bluten begannen. Das nasse Haar hing ihm übers Gesicht, doch er kümmerte sich nicht mehr darum. Canosh war noch nie besonders tapfer gewesen, doch Selbstmitleid verachtete er zutiefst. Er zerbrach sich den Kopf über Fragen, die er schon lange Zeit zuvor nicht beantworten konnte.
Wohin war seine Frau Isria verschwunden? Hatte es etwas mit dem Kind zu tun gehabt? Canosh konnte sich das nicht vorstellen und versank wieder in tiefes Grübeln, das schlechtes Wetter immer bei ihm auslöste. Der Wind nahm nun zu, heulend blies er den Regen nun genau in die Laufrichtung des Heeres.
Canosh verzog widerwillig das Gesicht, als er aus seinen Grübeleien geholt wurde und schloss die Augen halb, um sie vor dem nun stechenden Regen zu schützen.
Jetzt erst nahm er die Stille des Heerzuges erst bewusst wahr. Kein Mensch sprach, alle schienen in ihre Gedanken versunken.
Es wird nicht schwierig werden, sie da wieder rauszuholen, wenn die Schlacht entbrennt, dachte Canosh trübselig. Die Furcht wird sie schmerzhaft wecken.
Die Schlacht... Wenn er dieses Wort hörte, verkrampfte sich sein Herz, sein Mut schien zu schrumpfen. Da dachte er wieder an Magria. Er machte sich selbst Vorwürfe, dass er sie im Stich gelassen, sie einfach seinem Vater hingehalten hatte.
Da dachte er an seinen Vater, mit dem strengen Blick und dem stolzen Lächeln, das noch jedem Ehrfurcht abgewonnen hatte. Was würde der Herr Onhlacu von ihm denken, wenn Canosh im Kampfe fallen sollte und seinem Vater Magria überlassen würde?
Und er dachte an seinen besten Freund, den er lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Seit Jahren fragte er sich das erste Mal wieder: Wo mag er jetzt wohl sein?
Als sein alter Jugendfreund vor vielen Jahren mit dem Vater weggezogen war, war die Welt für Canosh dunkel geworden. Ohne ein Abschied, einfach weg. Seitdem hatte Canosh ihn nicht wieder gesehen.
Ich schwöre, ich werde ihn suchen, wenn dieser Alptraum hier vorbei ist, sowie meine Isria..., dachte Canosh entschlossen.
Er dachte an seine Heimat, an das alte Herrenhaus, das so schön und gleichzeitig so düster war. Ich habe Heimweh!, dachte Canosh verblüfft und traurig zugleich.
Werde ich das alles wiedersehen? Er glaubte es nicht. Krähenfutter konnte nicht zu Familienmitgliedern oder Freunden zurückkehren.
Mit trüben Augen blickte er sich um. Nichteinmal Chaubun war hier in der Nähe. Er lächelte ein wenig. Wie war es nur gekommen, dass er sich schon nach der Gesellschaft eine Mörders sehnte? Und Canoshs Geist wandelte bereits wieder auf den dunklen Pfaden der Vergangenheit und klammerte sich verzweifelt an den schönen Erinnerungen seines kurzen Lebens.
Als die Sonne hinter den Horizont floh und die Welt de Dunkelheit überliess, als die Schwärze wieder über die weite Ebene, über die Krieger und Soldaten strich, verdunkelten sich auch die Gedanken der verlorenen Menschen in diesem finsteren Land.
Die Stille kam und verzehrte die Welt zusammen mit der Finsternis...

der-Olifant
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Beitrag von der-Olifant » 13.10.2004, 14:47

6. Im Wald der dunklen Träume

Als die Nacht schon fortgeschritten war, die Schwärze den mühseligen Weg der Soldaten verhüllte und die Gräusche der Nacht kamen, hatten die Soldaten gerade einen Wald erreicht, den ersten seit langer Zeit.
Die erschöpften Männer liefen unter das dichte Blätterdach, die tiefen, ruhigen Schatten der alten Bäume verschlangen das gesamte Heer.
Canosh ritt weit vorne. Die stampfenden Geräusche der Hufe Neshas wurden von dem weichen, nassen Waldboden verschluckt.
Dichter Nebel schwebte unter dem Blätterdach, sog die Geräusche der Eindringlinge gierig auf wie ein weisser, flüchtiger Schwamm und verschleierte die nervösen Blicke der Soldaten.
Wie ein samtenes Leichentuch über dem Krähenfutter, dachte Canosh verdossen. Alles war ruhig, keine Laute zu hören, die von Waldtieren stammten, kein Rascheln des Laubes am erdigen Boden, kein Schnauben der Pferde. Alles ruhig. Nur das eigene Blut, das in den Ohren rauschte war zu hören.
Canosh blickte sich unsicher über die Schulter, dann begann er mit dem Zeigefinger gegen seine Schwertscheide zu trommeln. Der Laut hörte sich so hohl an, falsch, verzerrt. Doch immerhin riss es die in den Wahnsinn abschweifenden Gedanken zurück in die Wirklichkeit. Zögernd begann er Selbstgespräche zu führen, doch nach wenigen Augenblicken überlegte er es sich anders. Seine Stimme hatte sich wie diejenige eines Sterbenden angehört. Ein eiskalter Schauer lief über seinen Rücken.
Er atmete tief ein, doch der Nebel wurde in seiner Kehle zu bitterem Wasser und er verschluckte sich heftig.
Dann drang eine dumpfe, doch merkwürdigerweise laute Stimme, als ob sie von schlingenden Nebel verschont würde, durch den Nebel an sein Ohr:
"Haltet ein, schwächliche Soldaten! Ihr sollt auf dieser Lichtung ein Lager für die Nacht bereiten!"
Der gefürchtete graue Krieger hatte gesprochen, die Soldaten gehorchten. Ohne Widerrede begannen sie und hinterliessen tiefe Abdrücke im Waldboden.
Als die müden Männer den leuchtenden Mond durch die dichten, dunkelgrünen Blätter der Bäume hoch am Himmel stehen sehen konnten, war die Arbeit verrichtet.
Canosh lag noch wach auf einer dünnen, bereits durchnässten Matte. Eine wärmende, grobe Decke bedeckte seinen Körper, die die Nässe des Nebels auch nicht ganz hatte zurückhalten können. Er lag auf der Seite, sein Blick streifte den Nebel, die knorrigen Bäume, deren Äste gen Boden wiesen, als ob sie alte, schwache Greise wären, die jede Hoffnung abgelegt hatten. Dickes, pelziges Moos überwucherte den Boden rund um die geknickten Bäume, doch Canosh sah nirgends Tiere, weder Insekten, noch Vögel oder Rehe. Er lauschte in die Nacht hinein. Totenstille, immernoch. Gleichgültig liess Canosh wieder den Kopf sinken, und als sein Ohr die Matte berührte, hörte er doch etwas. Verwirrt hob er seinen Kopf und schaute sich um. Das Geräusch war verstummt. Wieder legte er seinen Kopf auf die Matte, hörte den erschreckenden Laut wieder, und jetzt begriff er. Es ist im Erdreich!, dachte Canosh sofort. Sein Herz begann schmerzhaft zu pochen, Schweissperlen bildeten sich auf seiner gekräuselten Stirn.
Ungeschickt schob er die Matte ein Stück weg und diesmal hielt er sein Ohr an den nackten Waldboden.
Canoshs Herzschlag setzte einen Augenblick aus. Laut und deutlich drang das Geräusch dumpf und tief aus dem Erdreich.
Ein unbeschreiblicher Laut, schmatzend, scharrend, stampfend. Entfernt und doch nah, leise und deutlich... dann erstarb er.
Canosh schoss in eine aufrechte Haltung und sah sich mit geweiteten Augen panisch um.
Das habe ich mir nicht eingebildet! Das war nicht meine Einbildung!, dachte der nervöse Edelmann. Er musste jemanden warnen, er musste es melden.
Als er schon aufstehen wollte hielt ihn etwas zurück, eine mit sanfter Gewalt drückende Macht. Sein Blick wurde leer, glasig, doch niemand sah es.
Langsam, doch ohne Widerwillen liess er sich wieder auf seine nasse Matte hinabgleiten, zog die schwere Decke über sich und dann war er eingeschlafen.
Der Wald wandelte, doch nicht die schwarzen Bäume selbst. Kreaturen, unkenntlich, strömten aus dem Schatten der Bäume. Rote Lichter glühten im Dunkel.
Die Welt verzerrte, Jaulen, Heulen erscholl. Tapsende Füsse unter der Erde. Soldaten über der Erde, die roten Lichter, sie kamen näher!
Die Wände des Wahnsinns rückten näher, das Lachen der jaulenden Kreaturen lähmte den Mut der Menschen. Schneidende Klauen des Waldes.
Das Moos labte sich an den blutigen Überresten der Feigen. Schwirrende Gräser, reissend. Die Erde gierte nach dem Blut der Leidenden und trank sie gierig.
Lederne Schwingen warfen finstere Schatten und verhüllten gnädig den Tod. Aus Canoshs Brust Drang ein düsteres rotes Licht... "Kleiner Edelmann, Canosh! Erhebe dich, schlafendes Ärgernis!" Die Stimme hallte von fernher durch die Hallen der Träume.
"Verflucht, erhebe dein Hinterteil, Stümper!" Canosh öffnete die Augen. Und sah in ein schrecklich vernarbtes Gesicht. "Chaubun! Was ist los?", fragte Canosh voller böser Ahnungen, während er verzweifelt versuchte, die grausigen Bilder des Traumes zu verscheuchen.
Chaubun blieb ihm eine Antwort schuldig. Ohne ein Wort packte er Canosh hart an der Schulter und hob ihn auf. Sein ausdrucksloses Gesicht, seine stechenden Augen.
"Was ist geschehen?", hauchte Canosh unsicher.
Chaubun lächelte sein unangenehmes, bitteres Lächeln, oder genauer gesagt, ein Grinsen. "Folge mir und du wirst wissen!"
Er wandte sich um und lief schnell, doch auf leisen Sohlen tiefer in den Wald. Canosh stand einen Augenblick unschlüssig da, dann fasste er sich ein Herz und lief auch los. Der weiche Boden gab unter seinen Schritten nach, der dunkle, graue Nebel schloss seine geisterhaften Arme um sie.
Canosh sah Chaubun nicht mehr, doch er folgte den leisen, kaum hörbaren Tritten des Mörders. Er vernahm schrecklich laut sein eigenes Keuchen.
Seitenstechen plagte ihn, er begann zu hinken. Die nächtlichen Geräusche ängstigten ihn, jetzt erst konnte er gespenstische Schreie aus dem undurchdringlichen, von nassen Nebelschwaden verhüllten Dunkel hören. Mörderische Schreie, sie hatten etwas schrecklich menschliches an sich, auch wenn sie bestimmt nicht aus eines Menschen Kehle stammten. Gierige, schrille Laute schossen durch das Laub. Canosh meinte blutgierige Blicke im Nacken zu spüren.
Er lief schneller, achtete nicht mehr auf die Schritte vor ihm. Darum musste er ruckartig anhalten, denn Chaubun war aus dem Nebel erschienen wie ein Gespenst und stand nun regungslos vor ihm.
Ohne sich umzudrehen sprach dieser ruhig: "Sieh her, Edelmann!"
Mit unguter Vorahnung ging Canosh langsam an Chaubun vorbei. Alles wurde von einer dichten Schicht Nebel verschleiert, doch plötzlich, als ein Wind wehte teilte sich der finstere Vorhang und gab den Blick auf den feuchten Erdboden frei. Canoshs Augen weiteten sich, stolpernd wich er einen Schritt zurück und hielt sich die Hände vor den Mund. "Bei meinem Vater!", entwich es ihm leise.
Auf dem Boden lagen nasse, rote Stücke. Doch nur mit viel Fantasie konnte man erkennen, das es einst ein Pferd gewesen sein musste, bestimmt eines des lagernden Heeres. "Bei meinem Vater!", rief Canosh nun nocheinmal. Eine rote Lache hatte sich um den zerfetzten Kadaver gebildet.
Chaubun stand ungerührt mit verschränkten Armen da. Als Canosh seinen Mut wiedergefunden hatte fragte er den Mörder: "Wann hast du die Überreste entdeckt. Und wieso in deines Vaters Namen hast du es nicht unseren Kameraden gemeldet?"
Während der Mond mit seinem blinden Auge düster auf sie herabsah und die Fliegen eifrig über dem Leichnam kreisten wartete Canosh auf eine Antwort.
Dann kam sie. "Ich bin mir sicher, das Heer wird bald angegriffen. Was immer dieses Pferd gestohlen und getötet hat ist eine bösartige, blutdürstende Kreatur."
Canosh sah in verständnislos an. Chaubun wandte seinen ernsten Blick von dem Kadaver ab und erforschte Canoshs Augen. "Wir können von hier verschwinden, junger Edelmann. Ich fühle mich diesem Abschaum von Kriegern der Vyd zu nichts verpflichtet."
Wütend bewegte er seine kräftigen Arme. "Sie werden abgelenkt sein, sie werden uns nicht suchen können! Wir werden frei sein."
Canosh schloss die Augen und liess sich Chaubuns Rede durch den Kopf gehen. Traurig öffnete er sie wieder und sprach mit zitternder Stimme: "Ich würde gern, es ist ein Alptraum hier. Doch ich bin kein Mörder, ewig würde ich mir Vorwürfe machen, und zwar zurecht. Ich kann nicht einfach verschwinden. Lass uns wenigstens nachsehen, ob wir helfen können."
Chaubun sah ihn lange und ernst an. Wieder tönte ein fürchterliches Heulen aus dem düsteren Nebel, Canoshs Eingeweide schienen zu Eis zu erstarren.
"Geh zu deinen Freunden. Ich hänge an meinem Leben, und ich werde es retten." Dann war Chaubun im Wald verschwunden.
Canosh sagte nichts. Und da fragte er sich, wieso es ihm schwer um sein Herz wurde. "Nur ein gemeiner Mörder...", flüsterte Canosh grimmig sich selbst zu und wandte sich mit grossem Unbehagen um und stürmte all seinen Mut zusammennehmend in den Nebel, in Richtung der Lichtung...

der-Olifant
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Beitrag von der-Olifant » 13.10.2004, 14:48

7. Die Geister aus dem Walde

Der kalte Nebel bewegte sich schnell und geisterhaft. Die durch die Dunkelheit grau gewordenen Blätter raschelten nervös im kräftigen, beissenden Wind der gerade aufgekommen war. Canosh lief. Er keuchte krampfhaft und unregelmässig, niedrige Äste peitschten ihm ins Gesicht und hinterliessen rote Male auf seiner Haut.
Von scheinbar weiter Ferne drangen unbeschreibliche Geräusche an sein Ohr.
Sie kämpfen, bei meinem Vater, sie kämpfen!, dachte Canosh verzweifelt. Ich hätte fliehen können! Ohne in Gefahr zu geraten, ich hätte fliehen können, verdammt sei mein gutes Herz! Ich kann sowieso nichts ausrichten, ich bin bloss einer unter tausenden.
Er wollte umkehren, sein Mut war angesichts der schrecklichen Geräusche in bodenlose Tiefen gesunken. Doch seine Beine liefen. Sie liefen einfach weiter.
Das Schicksal hatte sich schon lange entschieden, die späteren Taten und Geschehnisse traten langsam aus dem Nebel der Zukunft und niemand wird sie aufhalten können, nichteinmal die Götter selbst vermögen es.
Canosh, unfähig zu fliehen, zog stattdessen sein Schwert. Scharrend fuhr es aus der schönen Scheide. Die Klinge schimmerte matt im bleichen Licht des Mondes.
Doch da fuhr er ängstlich zusammen, eilige Schritte ertönten vor ihm aus der Finsternis. Dann Stimmen, oder besser gesagt Schreie.
Canosh blieb wo er war, hob drohend sein Schwert und starrte mit klopfendem Herzen vor sich in den wabernden Nebel. Ein leiser Wind durchstreifte sein Haar, Schweiss rann ihm über das Gesicht. Er griff das Schwert fester, das schwarze Leder knirschte.
Dunkle Gestalten schälten sich aus dem Nebel. Als Canosh sie erkannte atmete er erleichtert auf, doch diese Stimmung würde nicht lange wären.
Die Soldaten, die auf ihn zustürmten waren auf der Flucht. Halb rennend, halb stolpernd bahnten sie sich mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen einen Weg durch den widerwertigen Wald. Canosh sagte nichts, er rührte sich nichteinmal. Er stand einfach da, mit erhobenem Schwert, er stand auch noch so da, als die Soldaten an ihm vorbeigerannt waren.
Bei allen Göttern! Meine Kameraden fliehen doch auch! Wieso fliehe ich nicht? Bei meinem Vater, wieso nicht?, dachte er zitternd, unschlüssig stehen bleibend.
Er vernahm schrille Schreie, Kreischen, Fauchen und Jaulen. Der Tod säete seine Früchte, und es würde eine grosse Ernte geben...
Sein Herz blieb stehen, als er ein bedrohliches Schnauben aus der undurchdringlichen Schwärze unmittelbar vor ihm zu hören glaubte, das ihn aus seinen rasenden Gedanken riss. Dann war der Teufel aus der Hölle gekommen, ein widerwärtiges Scheusal, ein alptraumhafter Schrecken, heulende Bestie, Monster.
Eine riesige Gestalt, auf mehr als vier Beinen, höher als der grösste Mensch. Giftgrün leuchtende Augen in tiefen, finsteren Höhlen. In ihnen lag ein ursprüngliches, dumpfes Verlangen des Tötens, böse List funkelte unter der strahlenden Gier nach blutigem, zerfetzten Fleisch.
Vom Blut unzähliger Eingeweide glitschig gewordene Schwänze, grau wie Stahl und ebenso hart, an der Spitze wie ein Schwert schienen irgendwo dem verkrüppelten Rumpf entsprungen, bestimmt hatte kein guter Gott diese Kreatur erschaffen.
Eiternder, nässender Schleim lag in einer stinkenden Schicht auf den verkümmerten Lederflügeln der Bestie, die schwach an der Seite herabhingen, tot, wie die Opfer dieses Wesens. Eine gelb-rote, zähflüssige Brühe lief in breiten Strömen aus dem weit geöffneten Schlund und bildete dampfende Seen auf dem sterbenden Waldboden.
Die Zähne, einige lang wie Dolche, andere lang wie Schwerter standen unregelmässig und schief in dem triefenden Maul, dem schmerzenden Abgrund des Todes.
Canosh begann vor Ekel krampfhaft zu zucken. Sein Schwertarm begann erbärmlich zu zittern, seine Knie wurden weich, doch gaben sie nicht nach.
Angst erstickte sein klares Denken, Panik nahm sein Handeln in Besitz.
Doch ein Gedanke war klar und deutlich: Diese Bestie hat meine Mitstreiter gefressen! Ich bin alleine hier, ich werde sterben!
Die Hoffnung starb, sank zu einem kümmerlichen Rest ihrer einstigen Pracht in sich zusammen. Und mit der Gewissheit sterben zu müssen, kam der Hass.
Hass auf die Welt, die ihn um seine Frau Isria und nun um seine Tochter betrogen hatte, Hass auf die Krieger von Vyd, die seine Zukunft bis auf die Grundmauern niedergebrannt hatten, Hass auf Chaubun, der ihn im Stich gelassen hatte, doch in erster Linie unvorstellbare Wut auf das übermächtige Scheusal, das ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand.
Hoffnungslose Furcht und schrecklicher Hass lieferten sich eine gewaltige Schlacht. Schliesslich trug der Hass den Sieg davon und liess die Furcht sterbend auf dem Feld liegen. Canosh stemmte seine Füsse in den dreckigen Boden und begann zu laufen, genau auf die Bestie zu, mit erhobenem Schwert.
Staub und Blätter wirbelten vom Boden auf, Canosh schrie wütend. Ohne Verstand griff er den Feind an. Das Ungeheuer schien zu grinsen, Speichel lief ihm von den wulstigen Lippen. Canoshs liess das Schwert sprechen. Doch das plump wirkende Scheusal war schneller als es aussah. Flink wich es aus, die drei Klauen ihrer Beine fuhren durch den glitschigen Boden und hinterliessen tiefe Spuren. Trotzdem erwischte Canosh sie, die Klinge riss ein Vorderbein vom Schulteransatz bis zur Pranke auf, zähflüssiges, schwarzes Blut rann aus der tiefen Wunde, voller Ekel sah Canosh die roten Knochen unter dem klaffenden Fleisch.
Das Grinsen der Bestie erlosch jedoch nicht, doch sie begann zu brüllen und zu bellen, schrille, geisterhafte Laute. Nocheinmal schlug Canosh heftig zu, ungeschickt zwar, aber das Schwert traf trotzdem. Eines der Augen der Bestie wurde aufgerissen, doch der grausame Verlust schien die Kreatur nicht zu stören.
Das Feuer der Mordlust strahlte nun stärker aus ihren verbliebenen Augen. Einer der Schwänze peitschte durch die Luft, Canosh hob vom Boden ab, wurde durch die Luft geschleudert und schlug schlussendlich hart mit seinem Rücken auf einer dicken Baumwurzel auf. Schrecklicher Schmerz durchfuhr ihn, sein Rücken schrie gepeinigt.
Er konnte sich nicht mehr rühren, scharfe Splitter, die einmal seine Knochen gewesen waren stachen grausam in seine Haut und zerissen sein Fleisch. Das Schwert seines Vaters fiel ihm aus der Hand und landete auf dem feuchten Boden. Er vermochte sich nicht mehr zu rühren, keuchend lag er da. Dann spürte er heissen, stinkenden Atem in seinem Gesicht.
Das ist das Ende. Jetzt werde ich sterben. Wenigstens werden dann meine Schmerzen enden. Dies schoss Canosh durch den Kopf bevor das Scheusal seinen Schädel über ihn beugte und seinen Schlund weit öffnete, immer noch ein blutiges Grinsen auf den Lippen. Blutige Fetzen lagen im geöffneten Schlund, doch Canosh schloss ergeben die Augen. Dies soll nicht das Letzte sein, was er in seinem Leben sah. Er dachte nun an Isria und Magira.
Isria, wenn du bereits tot sein solltest, werde ich dich bald sehen. Wir werden einander viel zu erzählen haben.
Da erscholl ein zugleich schmerzerfülltes und wütendes Brüllen, überrascht schlug Canosh seine Augen auf. Das Scheusal stand immer noch vor ihm, die irren Augen waren aber tot, Blut lief ihr über den breiten Schädel. Ein schweres Breitschwert stack im Schädel des Ungetüms und hatte ihn fast gespalten.
Das Scheusal sank böse keuchend zu Boden. Canosh atmete verblüfft auf, als er sah, wer neben dem Kadaver stand, mit ernstem Blick.
"Chaubun!", murmelte Canosh leise. Chaubun ging rasch zur toten Bestie, schlang beide Hände um den Griff seines Schwertes und zog so gut er es vermochte.
Mit einem saugenden, nassem Laut liess das Schwert vom Ungetüm ab. Er säuberte seine Klinge ohne Sorgfalt an seiner Hose.
Danach ging Chaubun mit schnellen, hastigen Schritten zu Canosh, kniete zu ihm hinunter. Die matte Rauchkugel, sein Glasauge, spiegelte das blasse Licht des Vollmondes. In seinem anderen, richtigen Auge spiegelte sich Furcht, Scham und Traurigkeit.
"Ich habe noch nie eine meiner Taten bereut, nicht einmal die Morde, doch meine Flucht von vorhin bereue ich bereits jetzt. Ich hätte wissen müssen, das du dich umbringen würdest! Verdammt seiest du, tollkühner Edelmann, dein Rücken ist geborsten, ich kann nichts mehr für dich tun...", flüsterte Chaubun tonlos und schnell.
Schreckliche Pein wütete in Canoshs Rücken, nichts schien mehr ganz, seine Augen wurden langsam glasig. Die Welt verschwamm vor seinen Augen, seine Einbildung gaukelte ihm Stimmen vor, die nicht ertönten. Er vernahm die weiche Stimme Isrias, das Gebrabbel Magrias und die vorwurfsvolle Stimme seines Vaters.
Chaubun sagte lange nichts, dann sprach er wie zu sich selbst: "Doch, es gibt etwas, was ich für dich vollbringen kann."
Er erhob sich, nahm sein blutiges Schwert in beide Hände und erhob es langsam, widerstrebend.
"Verzeih mir, junger Edelmann, doch ich kann dir nun nur noch mit einem schnellen Tod dienen. Leb wohl im Jenseits."
Sein dunkles Schwert stiess durch die kalte Nachtluft auf den Sterbenden hinab, scharf und tödlich.

Ende

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