[Geschichte] Verschollene Kindertage

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AlperCino
Spinnensammler
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[Geschichte] Verschollene Kindertage

Beitrag von AlperCino » 13.07.2004, 00:04

Verschollene Kindertage

„Sophie.....SOPHIE ...SO WARTE DOCH!!“ Die beiden Jungs schrieen ihr hinterher, doch das blonde Mädchen lachte nur und rannte weiter.
Es war ein schöner Tag, die Sonne schien hinter den Bergen hervor und trocknete den Tau, der auf den Gräsern und Büschen lag. Die Welt erwachte gerade aus ihrem nächtlichen Schlaf und die Kinder unterstützten sie dabei mit lautem Geschrei und Gelächter. Sie tollten über die Wiesen, rannten mit dem Wind um die Wette und erschreckten die Schafe, die halb schlafend auf ihrer Weide grasten. Alpercino, ein dunkelhaariger Teufelsbraten hatte allen Grund zur Freude. Heute war sein elfter Geburtstag und zu diesem großen Ereignis war sein bester Freund angereist. Antoine war vor ein paar Monaten in die Obhut einiger Paladine gekommen und man entschloss sich, ihn auszubilden. Seid her blieb den Jungen kaum noch Zeit zu spielen, aber die freundschaftliche Bande der Beiden ließ sich auch dadurch nicht schwächen.
Die drei Kinder ließen sich erschöpft ins Gras sinken. Sophie war die Tochter vom Nachbarsbauern gewesen und da das Dorf sehr klein war gab es kaum andere Gefährten als die beiden Jungs. Die Kleine war zwar ein Jahr jünger, doch hatte sie recht schnell gelernt sich zu behaupten. Sie saß im Gras, beobachtete die Tiere und pflückte ein paar Blumen, während Alpercino aufsprang, wild gröhlend sein Holzschwert zog und schrie:
“Ich, der mächtige Orkhäuptling, fordere dich mickrigen Paladin zum Kampf!“
Keine Minute später hörte man das laute Krachen von Holz und das Kampfgeschrei der Jungs. Man merkte, das Antoine doch etwas mehr Übung im Umgang mit Waffen hatte und kurze Zeit später schrie Alpercino vor Schmerz auf. Die Klinge seines ‚Gegners’ war gesplittert und hatte einen breiten Riss am rechten Auge seines Freundes hinterlassen.
„Du Idiot!“
Die hölzernen Überreste flogen durch die Luft und wurden durch Fäuste ersetzt. Sophie schrie erschrocken auf, als ihre beiden Freunde sich ineinander verknotet hatten und sich prügelten. Tränen rannen über das wütende Gesicht des langhaarigen Geburtstagskindes, während es die geballte Hand auf das linke Auge seines Freundes platzierte. Antoine schrie auf und schlug trotzig zurück. Das war eindeutig zuviel für das kleine Mädchen. Sie stand auf und wollte beherzt dazwischen gehen, bis sie auf einmal mitten im Getümmel stand und als Dank eine Faust an die Schläfe bekam. Ohnmächtig sackte sie zusammen und die beiden Freunde verharrten entsetzt. Das würde Ärger geben...großen Ärger. In Windeseile rannte der eine zurück ins Dorf und benachrichtigte einen Erwachsenen, während der Andere bei dem ‚schlafenden’ Opfer Wache hielt. Maverick, Alpercinos größerer Bruder war als erster zur Stelle und war auch der erste, der die beiden verantwortunglosen Rüpel anfauchte.
Sie sollten Recht behalten, denn es gab wirklich enormen Ärger und das Endergebnis waren zwei Wochen Stubenarrest für die beiden Herren und riesengroßes Eis für die Kleine, die sich so selbstlos ‚geopfert’ hatte.


Abschied

„Ich habe gehört, dass Antoine die Tage uns besuchen kommt.“ Ihre Stimme war ein leiser Hauch, der an das Ohr Alpercinos wehte. Sie umarmte den sitzenden jungen Mann von hinten und drückte sich an ihn. Ihre blonden Haare flossen wie geschmolzenes Gold über seine Schultern und ihre Nähe ließ sein Herz höher schlagen. Er drehte den Kopf ein wenig und sah ihr in die blau-grauen Augen.
„Stimmt. Er hat wohl einen kleineren Auftrag in der Nähe gehabt, und darf sich nun ein paar Tage Urlaub gönnen. Wir wollen in die Berge gehen, ein bisschen jagen und die Natur genießen.“
Er lächelte, legte die Angel auf den Boden und zog die junge Priesterin auf seinen Schoß.
„Ich hatte gehofft du würdest uns begleiten, Sophie. Eine kleine Tour wie in alten Zeiten, was hältst du davon?“
Sie nickte eifrig. Einen Ausflug mit ihrem Freund und ihrem Kumpel, dass würde mal wieder ein Abenteuer, zwischen all der Lernerei für die nächsten Prüfungen, sein. Sie hatte diesen Weg gewählt, als sie zwölf war und bereute ihn bis heute nicht. Die Jahre waren schnell vergangen und ihr Aufstieg von einer Novizin zur Priesterin verlief ohne größere Probleme. Mittlerweile war sie 19 Jahre alt und hatte es sich zur Aufgabe gemacht ihren Freund zu Turnieren zu begleiten, um ihre Heilkräfte zu erproben und zu fördern. Sie war keine große Kämpferin, eigentlich verabscheute sie Schmerzen und Gewalt, aber sie liebte die dankenden Augen ihres Freundes, wenn sie seine Kampfverletzungen heilte.
Alpercino erhob sich und zog Sophie mit sich mit.
„Lass uns zurück nach Hause gehen. Es wird bald dunkel und die Fische will meine Mutter heute Abend auf den Tisch bringen.“
Er zog seine Beute ein, schnallte sich seine Katana auf den Rücken, nahm die Angel und ging in Begleitung seiner Freundin zurück zum Dorf.

Antoine umarmte seinen besten Freund herzlich und zog dann Sophie fröhlich an sich. Es waren ein paar Monate vergangen, seid dem sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Sein schwerer Kriegshammer prangerte auf seinem Rücken und erzeugte stumpfe Geräusche, wenn er an die schwere Plattenrüstung prallte. Der Paladin grinste seinen Freund an.
„Hast du bis jetzt keins deiner Turniere gewonnen, dass du immer noch in diesem alten Brustpanzer herumlaufen musst?“
Beide Männer mussten lachen. Antoine wusste, dass sich sein Freund keine neue Rüstung leisten würde, selbst wenn er das Geld dazu gehabt hätte. Er hing viel zu sehr an diesen alten Sachen. Seine Klinge hatte er von seinen Eltern zur bestandenen Kriegerausbildung bekommen und die Panzerung stammte noch von seinem Großvater. Er war stolz sie tragen zu dürfen und das konnte ihm nun mal keine polierte Rüstung ersetzen.
„Wann ziehen wir los?“, fragte der Paladin, während er sich setzte und einen kräftigen Schluck seines Biers nahm. Beunruhigendes Schweigen trat ein. Sophie senkte enttäuscht den Kopf und Alpercino verzog leicht das Gesicht. „Was ist? Stimmt irgendwas nicht?“
„Sophie darf nicht mit...“ Antoine riss den Kopf hoch, als er die Worte seines Freundes vernahm. „Ihre Eltern und ihre Vorgesetzte meinen, dass es zu gefährlich sei. Die Berge sind weit entfernt und sie ist zwar eine äußerst talentierte Heilerin, aber für den Kampf einfach zu schwach.“
Die Augen des Mädchens verrieten den Schmerz über diese Worte, aber er hatte ja Recht gehabt. Ihr Körper glich eher der einer Magierin, völlig zerbrechlich eben. Sie fluchte innerlich, wie gerne hätte sie die beiden begleitet.
Alpercino sah ihren Kummer und er kannte sie lange genug um ihr Wut oder Trauer von der Nasenspitze abzulesen.
Er griff nach ihrer Hand und lächelte.
„Komm einfach mit. Du weißt doch, dass wir dich beschützen und das wissen deine Eltern auch.“
Sein Blick war aufmunternd und ungestüm, wie sein ganzes Wesen überhaupt.
„Du bist alt genug. Sie müssen lernen dir zu vertrauen und dich nicht mehr wie ein kleines Kind zu behandeln.“
Sophie musste lächeln. Vertrauen, was wusste ihr Freund schon vom Vertrauen der Familie. Sein älterer Bruder, ein strenger junger Mann, hatte sich der Welt des Rittertums verschrieben und schuftete Tag ein Tag aus für sein Weiterkommen. Die heimliche Hoffnung der Eltern lag in Maverick, der prinzipientreu seine Ansichten vertrat und lieber an den klaren Verstand glaubte, als an Hirngespinste und Träume. Alpercino dagegen war schon immer der Wildfang gewesen. Wenn sein Bruder lernte, lag er unter einem Apfelbaum und träumte oder klaute mit Antoine Pflaumen beim Nachbarn. Wenn Maverick mit seinen Eltern über wirtschaftliche und finanzielle Probleme diskutierte, schwang der jüngere Spross lieber das Schwert oder schlief am Tisch ein. Eigentlich waren sie wie Feuer und Wasser und dabei trennten sie nur ein paar Jahre.
„Hm, gut, wir treffen uns heute Abend am Brunnen. Zieht nicht ohne mich los.“

Die Reise in die Berge verlief problemlos, aber ab und an merkte man der Priesterin an, das sie mit ihrer eigenwilligen Entscheidung nicht ganz glücklich war. Ihre Blicke gingen viel zu oft zurück in Richtung des Dorfes, als ob sie jemand beobachten , oder ihr folgen würde.
Die kleine Gruppe hatte sich entschlossen etwas zu klettern. Keine gefährlichen Krackseltouren, aber den kleineren Trampelpfaden wollten sie schon folgen. Die Gegend wurde lichter, die Luft kälter und die Sonne brannte stärker. Bergziegen waren in der Ferne zu erkennen und die Vögel flogen tiefer als sonst. Über Nacht verzogen die Drei sich meist in kleinere Wälder, die etwas Schutz vor Wind und eventuellem Regen bieten sollten. Aber nichts dergleichen geschah. Die Tage waren harmonisch und voller Lachen und als es an die Abreise ging, war ein großer Tropfen Wehmut dabei. Sophie sah hinunter ins Tal und fröstelte. Ihre Eltern waren vermutlich schon krank vor Sorge, während sie hier oben ihren Spaß gehabt hatte. Sie drehte sich um und lächelte Alpercino traurig an.
„Vermutlich dürfen wir uns für die nächsten 50 Jahre nicht ....mehr......seh-“
Sie brach ab und ihre Augen weiteten sich. Als der junge Kämpfer herumwirbelte, sah er nur noch, wie sein Freund durch die Luft flog und gegen den nächsten Baum prallte. Ein riesiger Braunbär hatte sich vor ihnen aufgebaut und brüllte, als wenn es um sein Leben ging. Nur ging es nicht um das Leben des Bären, sondern um das der drei Freunde. Alpercino zog seine Katana und stellte sich schützend vor Sophie. Er hatte geschworen sie zu beschützen und er hatte nicht vor diesen Schwur zu brechen. Sein Kampfruf brach durch die Bäume, ließ die Vögel erschreckt auffliegen und wurde dann mit dem Wind davon getragen. Die lange Klinge drang durch das Fleisch des Tieres und blieb im Brustbereich stecken. Der Bär bäumte sich auf und riss den jungen Mann mit sich, der seine Waffe nicht losgelassen hatte. Die riesigen Tatzen wirbelten durch die Luft, schlugen blindlings durch die Gegend trafen auf etwas und vielen dann zu Boden. Der Bär war tot.
Alpercino rappelte sich auf und sah sich um. Wo war Sophie?

Er rannte zu der Stelle, an der sie gestanden hatte und ins Tal geblickt hatte und sah nach unten. Ihr blonden Haare flossen über die Steine und verwandelten sich in schimmerndes Bronze, als sich ihr rotes Blut mit ihnen vermischte. Er sah nichts mehr, er spürte nichts mehr. Wie von Sinnen machte er einen Satz in Richtung Abgrund und wurde ruckartig zurückgezogen. Antoine hatte ihn am Arm gepackt und hielt ihn fest.

„Lass den Mist. Wir sollten schnell zu ihr und ihr helfen, aber nicht auf diesem direkten Weg!“ Der Paladin schlug seinem Freund leicht ins Gesicht, aber es nützte nicht viel...der Glanz aus seinen Augen war verschwunden. Sie kletterten den Weg hinab. Tränen rannen über das Gesicht Alpercinos und seine Narbe am rechten Auge brannte. Er hatte das Gefühl, als ob sein Kopf explodieren würde und er mochte den Gedanken, dann wäre es vorbei. Er sah jetzt schon den Hass in den Augen der Dorfbewohner, die Trauer in den Augen ihrer Eltern und die Abscheu im Gesicht seines Bruders. Irgendwann kamen sie unten bei Sophie an. Der junge Paladin hielt die Hände über das Gesicht des Mädchen und konzentrierte sich. Irgendwo musste er doch ihre Aura spüren, ihr Geist konnte noch nicht weg sein. Stunden saßen sie so da. Antoine hatte seine Konzentration nicht abgebrochen und der junge Krieger strich dem Mädchen über die verklebten Haare. Das Blut war mittlerweile schon getrocknet und hatte seine Hände rot gefärbt. Dunkelheit brach über die beiden Männer herein und der Paladin brach erschöpft ab. Sie war tot, vermutlich schon, als sie unten aufgeschlagen war. Die Augen ihres Freundes waren leer, so leer, dass selbst Antoine erschrak. Er reagierte nicht, er würde nie wieder auf irgendjemanden reagieren. Seine Tränen waren längst versiegt und er schwor sich, dass er nie wieder auch nur einen Tropfen Salzwasser aus seinen dunklen Augen pressen würde. Wortlos hob er sie hoch, küsste sie sanft auf die Stirn und ging dann ohne zurück zu blicken zum Dorf. Nebel zog auf, als die Beiden Männer im Morgengrauen die Dorfstraße betraten. Einige wenige waren schon wach, aber es dauerte nicht lange, bis großes Getümmel herrschte. Man hatte das tote Mädchen gesehen...
Die Tür ihres Elternhauses schlug auf und ihr Vater kam, mit dem Schwert in der Hand, raus gerannt. Weinend folgte seine Frau. Wutentbrannt rannte er auf den Krieger zu, aber die zornigen Augen wurden zu wässrigen Spiegeln voller Leid und Schmerz, als er seine Tochter erblickte. Der Mann ließ das Schwert fallen und riss Alpercino Sophie regelrecht aus den Armen. Weiter hinten konnte man seine Familie erkennen, sein Bruder vorne an, die auf die Menschenmenge zustürmten. Maverick holte aus und schlug zu. Die Faust traf den jungen Kämpfer hart und Blut begann aus seiner Nase zu fließen, aber er bemerkte es nicht. Seine ausdruckslosen Augen waren auf Sophie gerichtet und er lächelte kurz. Er konnte sie hören. Er verstand ihre Worte und er wusste, dass sie nicht böse auf ihn war. Sie würde warten, für immer. Dann verschwand ihre Stimme und somit auch sein Lächeln. Alpercino blickte seine Familie an. Sie schrieen, sie riefen und sie verfluchten ihn, aber er hörte es nicht. Er wusste, dass er schuld war. Er und seine rebellische Art hatten die junge Priesterin das Leben gekostet.
„....nie wieder, betritt nie wieder diesen Boden. Ich kenne dich nicht mehr.....DU BIST NICHT MEHR MEIN SOHN!!!!“
Die Worte seinen Vaters hallten wie ein Echo durch sein Gehirn und er sah seine Mutter weinen. Sie tat ihm leid. Maverick’s Augen wurden schwarz und sein Körper begann zu beben als er zu sprechen anfing. Ein Fluch? Ein tödlicher Zauber? Der junge Krieger wusste es nicht und es war ihm sowieso gleich. Er schloss die Augen und hoffte auf die Erlösung, doch sie kam nicht. Als er seinen Blick wieder gerade aus wandte, stand er auf der breiten Straße, die einige Kilometer entfernt vom Dorf war. Vermutlich hätte ihn der wütende Dorfmob erschlagen, aber diese Gnade ließ im Maverick nicht. Antoine war stumm geblieben, die ganze Zeit hatte er hinter seinem Freund gestanden, wie so oft, und ihm den Rücken gestärkt. Er würde ihn auch jetzt nicht verlassen, nicht jetzt, wo er der Einzigste war, den Alpercino noch hatte. Es gab genug wanderte Paladine, wieso also nicht er auch? Es gab genug Arbeit da draußen und genug Leute, die ihre Hilfe brauchten. Vielleicht würde sich der junge Krieger ja irgendwann selbst verzeihen können....vielleicht....
Antoine sah ihn an.
„Lass uns gehen, mein Freund!“

Xeraphim
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Beitrag von Xeraphim » 13.07.2004, 00:08

WOW! bin schwer beeindruckt :) Hätte nie gedacht das es doch so viele begabte Geschichtsschreiber in der Community gibt :)
Ne im Ernst.... find ich super geschrieben! Gefällt mir!

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Shantalya Valentine
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Beitrag von Shantalya Valentine » 13.07.2004, 00:29

Bis auf die bereits bemängelten Namen (Maverrick, AlperCino) weißte ja dass ich die story super finde!

Edit: Klar schließt du dich an Xeraphim ,) hab ja auch ich geschrieben
Zuletzt geändert von Shantalya Valentine am 13.07.2004, 00:40, insgesamt 1-mal geändert.
Es Ist Zeit Für Die Zeit Nach Der Zeit!

Xeraphim
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Beitrag von Xeraphim » 13.07.2004, 00:30

schließ mich Shantal an :D

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Kawanja
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Beitrag von Kawanja » 15.01.2006, 15:19

Großes Lob. Würde gern mehr davon lesen :)

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